Rumänien, Ungarn und Deutschland auf dem Weg zur Wende 1989

Das Jahr 1989 markiert einen der wichtigsten historischen Einschnitte in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Im Juni schnitten Gyula Horn und der österreichische Außenminister Alois Mock den eisernen Vorhang durch, im November fiel die Berliner Mauer. Mittlerweile sind in Mitteleuropa demokratische Staaten entstanden, die der Europäischen Union angehören

Die Situation der ungarischen Minderheit unter Ceauşescu

Einer der zentralsten Katalysatoren dieses gesamteuropäischen Transformationsprozesses innerhalb Europas ist das Verhältnis zwischen Rumänien und Ungarn. Ein Wesenszug der Diktatur in Rumänien waren Ceauşescus weitgreifende Urbanisierungsmaßnahmen, die sich nicht nur auf die Industrieregionen beschränkten, sondern sich ebenso in planmäßig vollzogenen Dorfvernichtungen äußerten. In ihnen spiegelte sich Ceauşescus Abneigung gegen die Ungarn und damit gegen die ungarische Minderheit im Land. Dass ihre Dörfer den Zerstörungen zum Opfer fielen, hatte zur Folge, dass rumänische Staatsbürger ungarischer Herkunft massenhaft nach Ungarn flüchteten. Sie wurden nicht als Flüchtlinge anerkannt und auf der Grundlage vertraglicher Regelungen zwischen den „sozialistischen Bruderstaaten“ und ungeachtet der Tatsache, dass ihnen mit der Rückkehr eine Gefängnisstrafe drohte, ausgeliefert.

Der Beitritt Ungarns zu den Genfer Flüchtlingskonventionen

Da Ungarn sich vor allem während der 80er Jahre als das liberalste der sozialistischen Länder herausstellte und beispielsweise 1988 den Weltpass für seine Bürger eingeführt und ihnen damit Reisefreiheit garantiert hat, umging die Regierung das „Flüchtlingsproblem“ mit dem Beitritt zu den Genfer Flüchtlingskonventionen und damit ebenso die Auslieferung der Angehörigen der ungarischen Minderheit an das Nachbarland. Dieses war ein deutlicher Schritt in Richtung „Westen“ und hatte zur Folge, dass auch Flüchtlinge anderer sozialistischer Staaten anerkannt wurden. Das war vor allem im Zusammenhang mit den DDR-Bürgern wichtig, die sich seit jeher mit ihren Westverwandten am ungarischen Plattensee trafen.

Von der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ zum Fall der Mauer in Berlin

Ein weiterer Aspekt für den Prozess der Grenzöffnung war die Frage nach der Sanierung des Eisernen Vorhangs an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich. Den bereits marode gewordenen Eisendraht zu erneuern war in den Augen der ungarischen Regierung zu teuer und durch die Reisefreiheit der ungarischen Bürger auch nicht notwendig. Sie beschloss daher, den Eisernen Vorhang sukzessive abzubauen.

Als dann am 27. Juni 1989 Gyula Horn und der österreichische Außenminister Alois Mock den Eisernen Vorhang medienwirksam durchtrennten, erfuhren viele DDR-Bürger durch die Westmedien davon und beantragten eine Reisegenehmigung nach Ungarn, um von dort über die Grenze in den Westen zu gelangen.

Die ungarische Grenzpolizei kam angesichts des Andranges in Schwierigkeiten. Sie verhinderten zunächst zwar den Grenzübertritt, aber stempelten nicht in den Pass, dass ein unerlaubter Grenzübertritt versucht wurde, was für die DDR-Bürger eine Haftstrafe nach ihrer Rückkehr bedeutet hätte. Aufgrund ihrer Anerkennung als Flüchtlinge blieben sie jedoch in Ungarn und warteten auf die endgültige Grenzöffnung, die Ungarn zunächst sowohl mit der BRD und der DDR noch verhandelte. Zahlreiche DDR-Flüchtlinge hatten zu diesem Zeitpunkt bereits Zuflucht auf den Gebieten der Deutschen Botschaften in Budapest, Warschau, Prag und Ost-Berlin (Ständige Vertretung) sowie in Notcampingunterkünften gefunden.

Am 10. September 1989 und nach langen Verhandlungen sowohl mit der Bundesrepublik, als auch mit der DDR ist es dann soweit: Ungarn öffnet seine Grenzen zu Österreich und ermöglicht damit ca. 60 000 DDR-Bürgern die Ausreise in den Westen. Die Regierung der DDR geriet in diesen Sommermonaten des Jahres 1989 unter starken internen, aber auch internationalen Druck. Die Ereignisse gipfelten letztlich im Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, die den Anstoß zu der Wiedervereinigung der getrennten beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 lieferte.